Thomas von Aquin
Pacta sunt servanda
Der Dominikaner gehört zu den bedeutendsten katholischen Kirchenlehrern. Als Hauptvertreter des Hohen Mittelalters, der Scholastik, ließ er das römische und germanische Recht zusammenfließen. Er war es auch, der das Widerstandsrecht als Ur-Rrecht und somit Ur-Norm, wieder ins Leben gerufen hat.
Thomas von Aquin sieht den Gegensatz zwischen König (weiser Herrscher) und Tyrann (Ursupator) in der Art und Weise der Herrschaftsausübung und unterscheidet zwischen einer instituto recta oder instituta corrupta der Herrscher, also zwischen einer gerechten und korrupten Herrschaft und bringt neben dem christlich-aristotelischen Weltbild die christlich-germanische Herrschafts-auffassung, die ihre wirkungsreichste Ausdrucksweise wohl in der Thomas-Schrift »De regimine principum« gefunden habe.
Das Werk Thomas von Aquins steht unter dem Leitwort: ,Des Weisen Amt ist: ordnen’. Unmittelbar nach seinem Tod, kam es zu einer erbitterten Auseinandersetzung und Kontroverse um den Stellenwert des Thomismus im Orden und in der gesamten katholischen Welt. Einige seiner Lehrsätze wurden durch den Bischof von Paris verurteilt, sein alter Lehrer Albertus hingegen erklärte ihn für das Licht der Kirche. 1322 wurde er heilig gesprochen.
Zuvor bereits war seine Lehre zur offiziellen Philosophie des Dominikanerordens geworden. Einige hundert Jahre später, 1879, wurde der Thomismus offizielle Philosophie der katholischen Kirche. 1931, bei der Neuordnung des kirchlichen Hochschulunterrichts, wurde durch den Papst angeordnet, Philosophie und spekulative Theologie seien nach den Lehren des Thomas vorzutragen.
Im 19. und 20. Jahrhundert erlebte der Thomismus eine bedeutende Renaissance. Es entstand eine neue thomistische Philosophie, die die Grundlagen des katholischen Weltbildes, das vom Dominikaner Thomas gelegt wurde, mit den neuesten Ergebnissen von Wissenschaft und Philosophie zu verbinden suchte.
Der Einfluss Thomas von Aquins auf die heutige Politik, insbesondere auf die Sozialpolitik, ist leider kaum mehr zu sehen. Was jedoch sicher ist, dass seine Gedanken einen bedeutenden Einfluss auf die katholische Soziallehre gewonnen haben. Im Zusammenhang mit der Darstellung der Geschichte des ,,Quadragesimo anno" und dem Subsidaritätsprinzip wurde und wird sich ebenfalls auf Thomas von Aquin bezogen. Zwar findet sich der Name und die genaue Formulierung des Subsidaritätsprinzips erstmals in der Enzyklika ,,Quadragesimo anno" vom 15. Mai 1931. Die darin ausgesprochene Erkenntnis ist allerdings wesentlich älter, um nicht zu sagen: uralt.
Schon bei den führenden Geistesmännern des Mittelalters finden sich die Gedanken ausgesprochen, die zum mindesten sich mit dem Subsidaritätsprinzip eng berühren. Thomas von Aquin bemerkt, ein Übermaß an Vereinheitlichung und Gleichschaltung bedrohe den Bestand des ,aus verschiedenen Gebilden zusammengesetzten Gemeinwesens` in ähnlicher Weise wie ,Sinfonie und Harmonie der Stimmen schwinden, wenn alle den gleichen Ton singen.`
Ist es nicht beachtlich, dass sich in der Mitte des 13. Jahrhunderts die alte theokratische Vorstellung auflöste, ein Gottesgnadentum im Anfangsstadium der Entwicklung war und das Volk als »Souverän« anerkannt war mit allen Rechten und Pflichten?
Das Volk durfte die Gewalt des Herrschers einschränken, weil ihm, dem Volk, die Wahl des Herrschers zustand und dieser, wenn er sich nicht an die Gesetze (Normen) hielt, dem Volk die Treue brach.
Nach der christlich-germanischen Herschaftsauffassung, die Thomas v. Aquin vertrat, durfte, ja mußte das Volk sich gegen einen »Tyrannen« auflehnen und sein Recht zum Widerstand publica auctoritas wahrnehmen. Weil die Wahl ein pactum der Treue zwischen Herrscher und Volk war und infolgedessen das pactum hinfällig, die Treueverpflichtung des Volkes gegenstandslos wurde, sobald der Gewählte die Treue nicht einhielt, die sein Amt erforderte.
Und ist es nicht ebenso beachtlich, dass, obwohl noch immer römisch-kanonisches Recht in Deutschland gilt, sich dessen niemand mehr zu erinnern scheint, wenn Regierungen rechts- und menschenrechtswidrig 'regieren'?
Gilt doch auch heute noch das Widerstandsrecht und wartet nur darauf, endlich wieder einmal angewandt zu werden, friedlich natürlich, aber bestimmt. Was ist denn da in den letzten 700 Jahren mit uns passiert? Von einer Fortentwicklung zu höherer Ethik kann hier ja wohl keine Rede mehr sein.
Quelle: Thomas von Aquin: De regimine principum, Übers. Friedrich Schreyvogl: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1999

